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China – und die Sache mit dem Respekt

Jetzt bin ich schon mehr als zwei Wochen zurück aus China – und trotzdem geht mir der Besuch noch immer durch den Kopf. Warum eigentlich? Natürlich gab es in kurzer Zeit viele Eindrücke. Das wundert auch nicht, wenn die Agenda doch jeden Morgen mit dem Eintrag „6:15 Uhr Abfahrt am Hotel“ startet. Nein, in diesem dicht gepackten Programm der Delegationsreise unter Leitung der baden-württembergischen Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut war wirklich nicht (noch) mehr unterzubringen. Vier chinesische Städte in vier Tagen. Und dabei waren wir eigentlich nur im Südosten unterwegs: Nanjing, Hangzhou, Shanghai, Shenzhen.

Die Wirtschaftsdelegation reiste vom Ankunftspunkt Nanjing aus durch den Südosten Chinas. Zuerst per Schnellzug nach Hangzhou und weiter nach Shanghai, dann mit dem Flugzeug nach Shenzhen. Zum Schluss ging es mit der Fähre nach Hongkong, wo der Rückflug startete.
Die Wirtschaftsdelegation reiste vom Ankunftspunkt Nanjing aus durch den Südosten Chinas. Zuerst per Schnellzug nach Hangzhou und weiter nach Shanghai, dann mit dem Flugzeug nach Shenzhen. Zum Schluss ging es mit der Fähre nach Hongkong, wo der Rückflug startete.

Respekt vor der Größe

Ja, schon die schiere Größe der Städte hat mir Respekt eingeflößt. Natürlich weiß man, dass China ein großes Land und die Chinesen ein großes Volk sind. Aber die Zahlen sind für mich einfach schwer zu fassen: Nanjing, erste Station unserer Reise, zählt mehr als zehn Millionen Einwohner – und schafft es damit noch nicht einmal unter die Top Ten der chinesischen Städte. Unser Guide im etwa 300 km südöstlich gelegenen Hangzhou wirbt sogar mit der „überschaubaren Größe“ seiner Metropole – nur rund neun Millionen – und der Lage als grüne Stadt am Westsee. Deshalb kämen am Wochenende auch viele Leute aus Shanghai einfach für einen Spaziergang nach Hangzhou. Und dafür nutzen sie den Schnellzug, der für die 200 Kilometer gerade mal 54 Minuten braucht. Auch das Schnellbahnnetz und die riesigen, modernen Airports ähnelnden Bahnhöfe haben mich beeindruckt. Die Züge kommen in enger Taktfolge und zudem sehr pünktlich. Mit Sorge um die Pünktlichkeit bittet uns unser Guide doch auch, beim Einsteigen nicht zu trödeln. Denn der Halt ist mit zwei Minuten kalkuliert. Aber auch das klappt. Schließlich halten die Wagen in der angegebenen Reihenfolge und punktgenau am Bahnsteig. Man denkt, man sei in der Schweiz. Ach ja. In die Bahnhöfe gelangt man nur mit gültigem Ticket, denn schon an den vielen Eingangstüren wird genau kontrolliert. Und man kann den Bahnhof auch nur mit einem gültigen Ticket verlassen. So behält „man“ den Überblick. Aber: Respekt für das perfekte Management einer so großen Infrastruktur.

Doch schnell nochmal zurück zu den ganz großen Zahlen. Shanghai mit knapp 27 Millionen Einwohnern – ja, das hat man schon oft gehört. Aber hat man es verstanden? Noch krasser fand ich dann unsere letzte Station. Shenzhen – vor 40 Jahren noch ein verschlafenes Fischerstädtchen mit knapp 30.000 Einwohnern. Heute zählt Shenzhen, die nördlich von Hongkong gelegene Sonderwirtschaftszone, knapp 20 Millionen Einwohner. Das heißt: diese „Stadt“ hat mehr als doppelt so viele Einwohner wie unser ganzes Ländle Baden-Württemberg (Artikel in Stuttgarter Zeitung). Und aus der früher gern als „Fabrik der Welt“ bezeichneten Region ist inzwischen auch eine Brutstätte für Forschung und Entwicklung mit weltweitem Ruf geworden. (Report in Süddeutsche Zeitung)

Diese Entwicklung wurde von der Regierung in Peking ganz bewusst gefördert. Kein Wunder also, dass heute hier zwei der größten Internet- und IT-Unternehmen der Welt ihr Headquarter haben: Der derzeit in aller Munde befindliche Netzwerkausstatter und Handyproduzent Huawei sowie Tencent, Anbieter der in China am weitesten verbreiteten Multifunktions-App WeChat. Damit wird nicht nur gechattet, man bestellt auch ein Taxi, vereinbart Termine beim Arzt. Vor allem aber bezahlt man entweder per WeChat – oder mit dem Wettbewerbsprodukt AliPay vom anderen Großkonzern Alibaba. Und bei uns versuchen die Sparkassen und Volksbanken noch eigene Bezahl-Apps auf den Markt zu bringen. Wegen Kundenbindung?!

Shenzhen ist heute Teil eines wahrlich gigantischen Städteclusters in der Südprovinz Guangdong. Und erinnerte mich irgendwie ans Silicon Valley. Die Gebäude sind modern, es gibt extrem viele Unternehmen und viele Startups, die sich mit modernster Technologie wie Künstlicher Intelligenz, Bild­erkennung und -verarbeitung sowie Robotik beschäftigen. Schon vom Kindergarten an lernen kleine Chinesen spielerisch den Umgang mit Robotern und KI. Niemand stört sich offensichtlich daran, dass UB-Tech, ein Hersteller von Roboter-Software, auch Lehrmittel für die unterschiedlichen Schulstufen bis hin zum College entwickelt und anbietet. Das Unternehmen bereitet damit einerseits Nachfrage auf dem Absatzmarkt für seine jeweils altersgemäßen Robotermodelle. Zum anderen sorgt es quasi spielerisch für die Qualifikation der Nachwuchsprogrammierer. Eine smarte Doppelstrategie und einmal mehr groß gedacht.

In Shenzhen herrscht spürbar gute Stimmung, ein sehr positiver Vibe liegt in der Luft. Bei den Unternehmern, die wir getroffen und gesprochen haben, erkennt man Mut und Selbstbewusstsein, auch das ist ähnlich dem Silicon Valley. Aber macht auf mich einen etwas bodenständigeren, sympathischeren Eindruck als bei den amerikanischen Champions: Zuversicht gemischt mit einer Spur Demut – ein sehr angenehmer Mix.

Und noch etwas ähnelt dem Valley. Auch hier kann man blauen Himmel und Palmen sehen, Taxis und Busse surren mit Elektroantrieb durch die riesige Stadt. Und während sich meine ebenfalls an einer Bucht gelegene Lieblingsstadt, Toronto, seit Jahren bemüht, den Lakeshore Drive vom Verkehr zu entlasten und wieder zu einer für Menschen lebenswerten und inspirierenden Umgebung zu machen, haben die chinesischen Planer mal wieder ihren Weitblick bewiesen. Denn entlang der gesamten Bucht von Shenzhen – das sind mehr als 30 Kilometer – erstreckt sich ein sehr gepflegter öffentlicher Park. Das bringt mich zu meinem nächsten „Respektspunkt“.

Respekt vor dem großen Plan

Natürlich tun wir uns schwer, Planwirtschaft für ein erfolgversprechendes Konzept zu halten. Und wir tun uns auch schwer damit, dass in vielen Städten Chinas alles und jeder lückenlos videoüberwacht werden. Das in diesem Zusammenhang vielfach beschriebene Social Scoring weckt natürlich auch bei mir sehr gemischte Gefühle. Respekt habe ich aber durchaus dafür, dass es in China ganz offensichtlich auch sehr talentierte Planer und Leute mit Weitsicht geben muss. Denn ein großer öffentlicher Park ist für einen so großen Ballungsraum natürlich ein sehr wertvolles Gut. Und ob es den ohne ordnende Kraft gäbe? Hat sowas „der Markt selbst“ in unseren Städten hinbekommen?

Die Chinesen denken und planen groß – und sie entscheiden und setzen um. Und das mit viel Energie und Geld – vor allem aber schnell. Das habe ich für mich als einen der zentralen Eindrücke und Qualitäten von dieser China-Reise mitgenommen.

Respekt vor fremder Kultur

Ich habe aber eine noch andere, sehr spannende Art von Respekt entdeckt. Früher hat man sich bei uns gerne über die chinesische Raubkopiererei echauffiert. „Die kommen auf die IAA, fotografieren unsere Autos und kopieren sie dann einfach!“ Stimmt, die Chinesen haben das ja auch gar nicht abgestritten. Es war schon eine Respektsbekundung für den deutschen Automobilbau. Inzwischen können sie´s aber selber auch schon sehr gut. Viele der Autos, die wir bei unseren Besuchen bei Geely, BYD, NIO und Weltmeister (ja, so heißt einer der aufstrebenden chinesischen Hersteller, nomen est omen!) gesehen haben, sind von Verarbeitung und Haptik auf Augenhöhe. Und auch hier denken die Chinesen wieder groß und in „use cases“. Selten geht es nur um das neue Elektromodell, nein man denkt in „car und home connectivity“ (Weltmeister) und „communities und lifestyle branding“ (NIO). Schaut man sich die Köpfe hinter diesen Konzepten an, sieht man, dass viele der chinesischen CEOs, CIOs, CTOs oder wie auch immer man die treibenden Köpfe der Unternehmen auch bezeichnen mag, in den USA studiert und/oder bei deutschen Zulieferern und OEMs gearbeitet und Erfahrungen gemacht haben.

Das haben sie aus Respekt für die Qualität der Ausbildung und das Management getan. Und jetzt sind sie aus Respekt vor ihrer Heimat/Kultur und mit Blick auf die unglaublichen Chancen zurückgekommen und machen jetzt hier ihr eigenes „big thing“. Sie denken groß und eben nicht mehr wie vielleicht noch vor zehn Jahren in Elektronik-Komponenten. Sie denken in Systemen – und häufig sogar schon in Systemen von Systemen. Das war mal die Stärke deutscher Ingenieurskunst. Nur denken wir inzwischen wohl zu langsam und häufig zu kompliziert. Und während wir noch nachdenken und überlegen, ob und wie eine neue Technologie möglicherweise auch in unerwünschter Weise eingesetzt werden könnte, machen die Chinesen ihr eigenes großes Ding. Sie haben ja mit ihrem eigenen Riesenmarkt eine ideale Testumgebung mit eingebauten Skaleneffekten, also um schnell Erfahrungen machen und schnell nachjustieren zu können…  Tja, schnell. Ich glaube, wenn wir nicht schnell von den Chinesen lernen und weiter eng und auf Augenhöhe mit ihnen zusammenarbeiten, dann bekommen wir – die so stolzen westlichen Wirtschaftsmächte – schnell ein Problem…

Respekt als unsere Chance

Dann stellt sich doch die Frage. Haben wir überhaupt eine Chance? Ich glaube, im Respekt liegt auch eine Chance. Wenn wir die Chinesen als Partner auf Augenhöhe respektieren. Denn sie scheinen unsere Kultur und unsere Fähigkeiten durchaus zu respektieren. Woran ich das festmache? An einem Gespräch, das ich mit dem Pressesprecher von Geely während des Besuchs hatte. Ich fragte ihn, warum und wie es Geely eigentlich geschafft hat, Volvo wieder auf die Erfolgsspur zurückzuführen? Und auch da kam wieder der Begriff „Respekt“.  Er sagte, die chinesischen Investoren hätten davon abgesehen, den Volvo-Leuten nach der Übernahme vorzuschreiben, was und wie sie es zu tun hätten. Denn sie hatten offensichtlich Respekt vor deren Ingenieurskunst und Managementfähigkeiten. Natürlich wollten sie Pläne sehen und machten auch Zielvorgaben. Aber sie hätten dem Management relativ lange Leine gelassen und so habe Volvo in chinesischer Hand wieder seine Qualitäten herausarbeiten und sich zukunftsfähig re-positionieren können. Und das sei eben so ganz anders als es zum Beispiel bei der eher wenig erfolgreichen Akquisition und Integration von Saab durch GM lief.

Wie so oft, wäre es wohl gut, wenn man das Beste aus beiden Welten zusammenwerfen könnte. Ich glaube, wir täten gut daran, die Dynamik und das große Denken und Planen der Chinesen zu adaptieren. Gleichzeitig sollten wir uns darauf besinnen, dass das auch eine unserer Stärken ist: konzeptionell und in Systemen zu denken. Wenn wir mit den jungen Technologie-Treibern in China im engen Austausch bleiben, schaffen wir es bestimmt auch, die unbestreitbaren Vorteile unserer Nachdenklichkeit und der westlichen Werte einzubringen. Ist es also vielleicht auch eine Frage des Respekts?

 


 

Die Delegationsreise auf einen Blick


 

Medienberichte von der Reise

1 Kommentar
  1. Felix

    27. März 2019 17:46

    Den chinesischen Firmen auf Augenhöhe mit Respekt zu begegnen ist glaube ich auf jeden Fall der richtige Weg. Denn als Partner made in Germany können wir mehr Einfluss nehmen. Isolation bringt da nichts.

Kommentare