Von Zeit zu Zeit empfiehlt es sich auch für ältere Herrschaften, über die Brandmauer der eigenen Komfortzone zu krabbeln und sich mit neuem Gedankengut auseinanderzusetzen. Der Silver Surfer hat sich zu diesem Behufe auf den Weg nach Köln gemacht, um dort auf der Digital2018 ein zweitägiges Update zum Stand und der Entwicklung von IoT, Künstlicher Intelligenz und Digitalisierung im Land zu bekommen. Es war, wie’s bei solchen Kongressen gerne ist: durchwachsen. Von schauderhaft schlecht bis mächtig mitreißend war nahezu die ganze Bewertungsskala für Präsentationen besetzt. Über die Schlechten schweigt des Sängers Höflichkeit (wäre ja auch nur Zeitverschwendung), und zu den Guten gibt’s hier eine höchst subjektive Kleinauswahl einzelner Ideen und Gedanken, die den Heimweg vom Rhein an den Neckar im Gedächtnis überdauert haben.

Perfekt beschichtete Haut

Da war zum Beispiel die Wagner International AG, der „weltweit führende Hersteller von Geräten und Anlagen zur Oberflächenbeschichtung“. Sitzt mit seiner Zentrale am Bodensee mitten zwischen den Apfelbäumen, wie Dr. Valentin Langen als ausgesprochen wacher und unterhaltsamer Vertreter des Unternehmens erzählt. In diesem idyllischen Umfeld entstand „Freiraum“, ein sogenannter „Incubator“ für all das, was mit der Kultur eines fast 70-jährigen baden-württembergischen Mittelständlers wechselseitig ein wenig fremdelt. Also auch Digitalisierung und natürlich Disruption, die treue Wegbegleiterin der Digitalisierung. Mit erstaunlichen Ergebnissen. Denn im Freiraum hat man ein Corporate Startup auf den Weg gebracht, das sich um die einfache und perfekte Beschichtung der menschlichen Haut mit Sonnenmilch und anderen Hautpflegemitteln kümmern will.

Lifestyle statt Maler-Handwerk

Das Ergebnis heißt Ioniq, ist ein schickes Lifestyle-Produkt, hat auf den ersten Blick nur wenig mit den Anlagen und Geräten der Mutter für Handwerk und Industrie zu tun und sorgt schon vor dem Marktstart Anfang 2019 für ordentlich Furore. Eine spannende Geschichte. Besagter Dr. Langen hat auch nach der Präsentation beim Pausenkaffee einen Vorschlag übrig: Einfach nicht mehr von Digitalisierung sprechen, weil der Begriff mittlerweile einen ganzen Rucksack von negativen Assoziationen mit sich herumschleppt, der viele davon abhalte, sich einfach mutig ans Werk zu machen. Eine gute Idee. Denn am Ende ist Digitalisierung vielleicht nichts anderes, als neue Technologien und Möglichkeiten anzuwenden und weiterzuentwickeln – und das wiederum seit Ewigkeiten Daily Business in Industrie und Gesellschaft.

Digitalisierung braucht Rock’n’Roll

Von den Apfelbäumen am Bodensee zu den SAP Berlin Labs – mit einem Reiseführer, der sicher zu den schillerndsten Typen der Szene zählt: Martin Wezowski, Ende des 20. Jahrhunderts Bassist in einer Metal-Band und heute als Design-Chef und Futurologe bei SAP. Ein sichtlich erfahrener Keynote-Speaker, der durchaus Bemerkenswertes über das Thema Mensch und Digitalisierung zu erzählen hat. Ins Reisegepäck des Silver Surfers hat’s dabei vor allem ein Satz geschafft, der sinngemäß so lautet: „Überleg Dir genau, welchen Beitrag zur Welt Dein Unternehmen in zehn Jahren leisten kann, sonst will es vielleicht niemand mehr wissen.“

Farben hören

Und dann war da noch der Skurrilste auf der von der Telekom ausgerichteten Show: Neil Harbisson, ein in Spanien geborener, in England aufgewachsener und in New York lebender – ja was? Künstler, Digital-Aktivist, Cyborg, Spinner? Wahrscheinlich alles ein bisschen. Wer sich eine Antenne samt Chip in den Schädel implantieren lässt und seine angeborene Farbenblindheit so ausgleicht, indem er Farben als Töne hören kann, hat für eine im Normalo-Bereich angesiedelte Vorstellungswelt schon einen am Sträußchen. Und doch: Wenn man dem selbst ernannten (und inzwischen von Großbritannien offiziell als solcher anerkannten) ersten Cyborg der Welt zuhört, wie er von einer technischen Evolution der Menschheit mit „Artificial Senses“ erzählt, lässt einen das irgendwie ambivalent zurück, weil es beunruhigend und faszinierend zugleich ist.

Im Taxi zum Bahnhof

Da ist es dann ein ganz guter Kontrast, dass die Kölner Taxifahrerin auf dem Weg zum Bahnhof vor dem Stau kapitulieren, die Karre irgendwo am Rand abstellen und erst einmal eine Toilette aufsuchen muss, um danach mächtig erleichtert die Fahrt vollends durchzustehen. Zutiefst analog, menschlich und auch durch Digitalisierung (vermutlich???) nicht zu ändern.