Wer heute noch raucht, weiß, wie es sich anfühlt, als gesellschaftlicher Anachronismus Teil einer aussterbenden Gattung zu sein. Aber das ist bei weitem nicht der einzige Weg, in den Genuss dieses Gefühls zu kommen. Eine weitere Möglichkeit liegt darin, als sprachlicher Mauskegelsenkrechtsteller in Zeiten von Kurznachrichten, Emojis und „imho“ oder „yolo“ immer noch auf diverse Feinheiten sprachlicher Präzision zu bestehen. Für diejenigen, die dafür oldschool genug sind oder einfach von Zeit zu Zeit ihr Oberlehrer-Gen Gassi führen müssen, hier ein paar der populärsten Fälle aus der Alltagssprachwelt.

Die Sache mit dem letzten Platz

Das vielleicht am häufigsten genutzte Beispiel: „Die Halle war bis auf den letzten Platz besetzt.“ Der-/die- (und nach neuster Rechtsprechung wohl auch noch es-)jenige will damit in aller Regel ausdrücken, dass die verfügbaren Plätze in der Halle restlos besetzt waren. „Restlos“ führt dabei zum Fehler: „Bis auf“ leitet eine Ausnahme ein, und tatsächlich ist bei der alltäglichen Sprachschlamper-Variante der letzte Platz damit sprachlich noch zu haben.

Doppelt hält schlechter

Schön ist auch, wenn der Versuch, sich gewählt auszudrücken, mit einem sauberen Ausrutscher auf einer Fremdwort-Bananenschale mitten in der Sprachpfütze endet. Ein Klassiker dieser Kategorie ist der Satz: „Er wollte mir seine Meinung aufoktroyieren.“ Selbst wer ihn unfallfrei schreibt, liegt falsch, denn: Oktroyieren heißt schon aufdrängen – und Aufaufdrängen ist dann doch ein bisschen viel des Guten…

Das Auf und Ab der Vorsilben

Überhaupt führen überflüssige Vorsilben in der Alltagssprache offenbar ein interessantes Eigenleben und schleichen sich immer wieder in die unterschiedlichsten Formulierungen. Die Abs und Ans sind dabei besonders umtriebig. Tagtäglich (genau, auch hier ist der Tag völlig überflüssig, klingt aber immerhin gut) werden Tausende von Wohnungen, Häusern und anderen Gegenständen angemietet und kaum weniger Temperaturen abgesenkt, wo doch ein einfaches Mieten oder Senken mit leichterem sprachlichen Gepäck genau den gleichen Informationsgehalt transportiert hätte. Ok, es sind jeweils nur zwei Buchstaben, aber auch das summiert sich…

Unfug im Verkehrsfunk

Wer gelegentlich im Radio SWR 1 hört, kann sich verlässlich auf Sprachschlamperei im Halbstunden-Takt einstellen. Alle 30 Minuten gibt’s dort den „Aktuellsten Verkehrsservice im Land“. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt dieser Aussage ist sie sprachlicher Unfug, denn obwohl sie aktuell im Vergleich zu anderen Vertretern seiner Spezies vergleichsweise bescheiden daherkommt, handelt es sich um einen Superlativ, und der ist generell nicht mehr steigerbar. In diesem Fall macht’s auch inhaltlich keinen Sinn: Aktueller als aktuell wäre quasi vor der Jetztzeit und würde bedeuten, dass der SWR sich künftig bildende Staus vorhersagen kann. Wäre schön, aber ich weiß aus eigener leidvoller Erfahrung, dass er höchstens vergessen kann, existierende Staus zu erwähnen.

Wenn Kommas Leben retten

Zum Schluss noch zu einem anderen, wenn auch angrenzenden Thema: Kommas (für Fremdwort-Fans Kommata) können Leben retten! Bewiesen wird das unter anderem durch ein irgendwo geklautes, aber einfach herrliches Beispiel: „Komm, wir essen(,) Opa.“ Sprachliche Präzision lohnt sich eben doch – zumindest für Opa.