Kommunikation wird zunehmend visuell. Formate wie Fotografie, Illustration, Film und Infografik gewinnen an Bedeutung, während ausschweifende Texte wie dieser schon sehr gut erklären können sollten, warum sie die sieben Minuten Lesezeit wert sind.

Der Trend ist schon lange erkannt, beschrieben und erklärt: Es wird mehr und vor allem digitaler kommuniziert, das Angebot an Websites, Podcasts und YouTube-Kanälen ist schon lange nicht mehr überschaubar. Es wird aber auch differenzierter kommuniziert. So gibt es inzwischen auf jede Frage eine Antwort im Netz, für jeden Handgriff ein Video-Tutorial, für jede Nische eine*n Influencer*in.

Mehr, schneller, selektiver

Dieses Überangebot führt auf Seiten der Konsument*innen zu Rosinenpickerei. Und im Gegenzug verpacken wir Kommuni­kator*innen unsere Botschaften emotionaler und greifen des Öfteren auf das wohl emotionalste aller Formate zurück: den Film. Außerdem werden Texte mit Bildern, Illustrationen, Zitaten und Zwischenüberschriften angereichert, sodass man einen Text im Idealfall nicht einmal mehr lesen muss und trotzdem ungefähr weiß, was drinsteht. Und genau da liegt auch schon der Haken: Wir wissen es nur so ungefähr. Denn während Bilder sehr gut darin sind, Emotionen zu vermitteln, ist ihr Informationsgehalt eher begrenzt. Anders ausgedrückt kann uns ein Bild bestens vermitteln: „Wenn Du unseren Fahrradhelm trägst, siehst Du nicht nur super aus, Du grinst auch den ganzen Tag wie ein Honigkuchenpferd.“ Zugegeben, das sind zwei wichtige Kaufargumente – aber zumindest hier im Schwabenland, wo wir uns immer für ein bisschen rationaler, ver­nünftiger, bodenständiger halten als „die Anderen“, zählen auch Werte wie Sicherheit, Crashverhalten, Gewicht oder Innen­aus­stattung. Ein Text über diese Eigenschaften wäre allerdings zu lang, den würde keiner lesen. Zumal die einzelnen Informationen zwischen den vielen Buchstaben selten auf einen Blick zu finden sind.

Komplexe Themen werden mit Infografiken auch für eine Fach-Community leichter verständlich. So auch die Rückverfolgung von Lieferketten beispielsweise im Fall von Rückrufaktionen mithilfe eines neuartigen Netzwerkprotokolls, das das Team des strategischen Vorausentwicklungsprojekts „Economy of Things“ von Bosch Research entwickelt hat.

Emotion kann Information nicht ersetzen

Es bräuchte also ein Format, das zugleich visuell und informativ ist, schnell erfassbar und trotzdem gehaltvoll. Hier streckt die Infografik schnipsend ihren Finger in die Luft. Kein anderes Format ist in der Lage, Informationen visuell aufzubereiten und gleichzeitig zu gewichten, zu strukturieren und auf einen Blick zugänglich zu machen. Das funktioniert nicht nur mit Daten, die wir in Form von Diagrammen viel lieber analysieren als in Tabellen, sondern auch mit Prozessen (Abfolgen einzelner Schritte) und Strukturen (Aufbau von Objekten oder Organisationen).

Für Nachhaltigkeit sensibilisieren soll diese Datengrafik für DEKRA. Sie vergleicht Zug- und Flugreisen zwischen verschiedenen Standorten des Unternehmens und kombiniert dabei Parameter wie Entfernung, Reise- und Nutzzeit mit dem jeweiligen Verkehrsmittel und CO2-Ausstoß.

Für Unternehmen sind Infografiken deshalb besonders wertvoll. Sie eignen sich für die interne wie externe Kommunikation, egal ob das Unternehmen nun mit anderen Unternehmen kommuniziert (B2B) oder mit den Endkunden (B2C). Und: Infografiken eignen sich für alle Medien. Die Grafik kann eine ganze Doppelseite im gedruckten Mitarbeitermagazin einnehmen. Sie kann häppchenweise auf Social Media geteilt oder im Produktfilm animiert werden. Für die Botschaft ist das egal, im Gegenteil: Diese Flexibilität macht es erst möglich, den Content vielseitig und ohne enormen Zusatzaufwand auf allen Kanälen zu verbreiten.

Neben der medialen Bandbreite, die Infografiken bespielen können, gibt es noch die thematische: Infografiken eignen sich für die verschiedensten Themen, der Bogen spannt sich von der Visualisierung der Mitarbeiterumfrage (Daten, Daten, Daten) über den Change-Prozess (Abfolgen einzelner Schritte) bis hin zu den verschiedenen Beschichtungslagen eines Präzisionsspiegels für die Halbleiterfertigung (Strukturen) oder dem neuen Organigramm des Aufsichtsrats (ebenfalls: Strukturen). Es gibt kaum etwas, das sich nicht mit einer Infografik beschreiben und erklären ließe.

Siemens setzt bei der Digitalisierung in der Glasindustrie auf ein Grundprinzip, das auf den digitalen Zwillingen von Produkt-, Prozess- und Anlagendesign, Engineering und Inbetriebnahme sowie der laufenden Produktion basiert. Die Infografik kommt beispielsweise bei Kundengesprächen von Siemens zum Einsatz.

Orientierung bieten, besonders bei komplexen Themen

Das alles sind schon gute Argumente für eine Infografik; aber ihre größte Stärke liegt darin, komplexe Informationen zu strukturieren und zu gewichten. Denn so lassen sich Themen sowohl in ihrer Breite als auch in ihrer Tiefe in einer einzigen Grafik visualisieren. Wie auf einer Landkarte (die ja auch eine Infografik ist) können die wichtigen Inhalte auf einen Blick erfasst werden, man gewinnt schnell einen Überblick; trotzdem bietet die Grafik eine Fülle von Details, die man bei genauerem Hinsehen entdecken kann. Diese Details sind es, die überzeugen. Denn es fällt sofort auf, wenn etwas fehlt, und es ist erst recht unmöglich, ungenau zu sein. Während ein Text den Verlauf einer Wachstumskurve grob umschreiben kann mit den Worten „steigt seit einiger Zeit an“, muss die Grafik die Kurve schon zeigen und dabei sowohl den Zeitraum exakt benennen als auch den Verlauf präzise darstellen. Natürlich wäre eine präzisere Angabe auch beim Text besser. Aber da fällt es weniger auf, wenn sie fehlt.

Und so füllt die Infografik eine Lücke, die in einer emotionaler und visueller werdenden Kommunikationslandschaft entsteht: Sie vermittelt Informationen effizient, übersichtlich und trotzdem präzise und detailliert auf allen Kanälen – egal ob es sich um Daten, Prozesse oder Strukturen handelt.

Bleibt nur noch die Frage: Warum schreibt der Autor dieses Textes einen eben solchen anstelle einer Infografik? Die Vorteile einer Infografik hätte man schon auch in einer Infografik darstellen können. Aber, so ehrlich muss ich dann doch sein: Infografiken eignen sich außerordentlich schlecht für Schwärmerei.